Preisträgerinnen

Shaima GhafuryWürdigung und Biografie Shaima Ghafury

Shaima Ghafury - Preisträgerin 2010, Agrar-Ingenieurin aus Kabul (Afghanistan)

Würdigung

Die Preisträgerin Shaima Ghafury erfüllt die Zielsetzungen der Stiftung Aufmüpfige Frauen in besonderer Weise. Mit der Preisverleihung an Shaima Ghafury ehrt die Stiftung eine Frau, die durch ihr Engagement in einem durch Revolution und Krieg schwer zerrütteten Land insbesondere die Bildung von Mädchen und die Unabhängigkeit von Frauen unterstützt. Sie ist eine erfolgreiche Netzwerkerin für die Frauen Afghanistans, die ihre Erfahrungen gleichermaßen als Brückenbauerin auch für MigrantInnen in Deutschland und für Deutsche zur Verfügung stellt.

Die Stiftung Aufmüpfige Frauen zeichnet 2010 Shaima Ghafury aus, eine mutige, selbstbewusste und engagierte Frau, die Welten verbindet. In Marburg setzt sie sich für die Belange von Migrantinnen und Minderheiten ein. Sie gründete mehrere Initiativen, die einen Austausch der Kulturen fördern und mit Graswurzel-Arbeit die Situation für Frauen in Afghanistan stabilisieren wollen. Mit einem Projekt hilft Shaima Ghafury z. B. in Wardak, einer ländlichen Region Afghanistans, auf politisch geschickte und praktikable Art Schulen für Mädchen einzurichten. Seit 1993 engagierte sie sich politisch und sozial für ihr Heimatland. Sie hat die Initiative Afghanisches Handwerk mit ihrem Mann gegründet.

Biografie

Shaima Ghafury wurde 1958 als eines von 7 Kindern in Kabul geboren. Die kluge Schülerin übersprang die 11. Klasse und schrieb sich bereits 1975 – als 17jährige - an der Universität Kabul für Ingenieurwissenschaften ein. Dank eines Stipendiums studierte sie 1975 - 1981 in Bulgarien, anschließend lehrte sie bis 1992 an der Universität Kabul.

Mit der abenteuerlichen Flucht aus Kabul im April 1992 begann für Shaima Ghafury ein „drittes‘ Leben“. Sie floh mit drei kleinen Kindern, ihrem Mann und ohne Zukunftsperspektive aus Afghanistan, nachdem die Mujaheddin dort die Herrschaft übernommen hatten. Auf der Flucht trug sie das erste Mal eine Burka.

„Meine Brille störte mich sehr unter der blauen Burka. Hier trafen zwei widersprüchliche Welten aufeinander. Zum einen die Durchblick verschaffende Brille als Zeichen von Bildung und Fortschritt und zum anderen die Durchblick versperrende Burka als Zeichen des Analphabetismus und des Rückschritts. Doch in dieser Situation war die einzige Möglichkeit, das Ziel zu erreichen, die Verbindung der beiden Elemente“.

Als sie nach Deutschland kam, sprach sie kein einziges Wort Deutsch. Mit ihren Kindern und ihrem Mann lernte sie im Familien-Wettbewerb die neuen Wörter. Nach zwei Monaten kann sie kleine Gespräche führen. 1995 hält sie ihren ersten Vortrag über Afghanistan am Geographischen Institut der Universität Marburg. Es ist ihr wichtig, über das Land und die Situation vor Ort zu informieren und gleichzeitig Initiativen zu starten, die die Situation für Frauen und Mädchen verbessern können. Ihrer Überzeugung nach kann ein Frieden in Afghanistan nur gelingen, wenn vor allem die Frauen dort Bildung erhalten.

„In einem fremden Land haben wir nach Afghanen gesucht, gemeinsam entstand der Verein »Verein der Nationalen Einheit und des Fortschritts Afghanistans e.V.«. Nach einer einjährigen Anlaufzeit haben wir mit neuen afghanischen und deutschen Unterstützern den Verein »Initiative Afghanisches Handwerk e.V.« gegründet, welcher im Laufe von Jahren dutzenden Flüchtlingskindern und Frauen die Existenz gesichert und eine Bildung ermöglicht hat.“

Nach wie vor sind Mädchen und Frauen in den ländlichen Regionen Afghanistans extrem benachteiligt durch Analphabetismus und Armut. Andererseits sind die Menschen dort "friedliche Leute und nicht sehr konservativ. Sie wollen Bildung, auch für die Mädchen." Hier sieht Shaima Ghafury die Grundpfeiler jeden Gemeinwesens: "Demokratie kann nicht von oben kommen. Die Menschen an der Basis müssen sie lernen – indem sie selbst teilnehmen und davon überzeugt sind."

Shaima Ghafury qualifizierte sich in Deutschland mit einer Weiterbildung zur Schuldnerberaterin und sichert heute so die ökonomische Existenz der Familie mit ihrer Arbeit als Sozial- und Schuldenberaterin für MigrantInnen und Deutsche in Marburg. Ihr Mann Noor Mohammad hält sich viel in Afghanistan auf, um dort politische Arbeit zu machen und die Initiativen aufzubauen. Das Paar hat mittlerweile vier Kinder.

„Meinen Kindern war ich gesellschaftlich gesehen immer einen Schritt voraus, habe ihnen den Weg gewiesen, was ungemein wichtig ist. Denn die Migration ist vergleichbar mit einem Ozean, der Mensch der darin eingetaucht ist, kennt weder die Tiefe und die Weite, noch kennt er die Bewohner und die Besonderheiten des Ozeans. Er fühlt sich darin verloren. Für unsere Kinder waren mein Mann und ich die Vorschwimmer und haben ihnen somit den Weg frei gemacht.“

Ausgewählte Texte von Shaima Ghafury

I

Vor meiner Migration war ich als Dozentin an der Universität Kabul tätig. Ich habe in Bulgarien studiert und bin von Beruf Agraringenieurin. In meiner Diplomarbeit habe ich mich mit der afghanischen Agrarökonomie befasst. Somit habe ich an der Universität im Fachbereich Agrar, die Fächer Marketing, Kooperativen und Agrarökonomie unterrichtet. Trotz des Kriegszustandes in Afghanistan und der Unsicherheit in Kabul habe ich meine Arbeit mit viel Engagement, Energie und Leidenschaft durchgeführt. Innerhalb meiner zehnjährigen Tätigkeit als Dozentin habe ich hunderte von Studentinnen und Studenten unterrichtet und zahlreiche Fachbücher und Fachartikel verfasst. Ein Schwerpunkt meiner ausgewählten wissenschaftlichen Untersuchungen lag darin, als städtische Frau das Landleben und die Arbeitslage der Landwirte kennenzulernen und zu erforschen. Das Ziel war mit Hilfe von modernen theoretischen Erkenntnissen, die Arbeit auf dem Land mit günstigen Technologien und Methoden, effizienter und produktiver zu gestalten. Meine wissenschaftliche Arbeit habe ich unter anderem in Dörfern im Umkreis von Kabul durchgeführt, obwohl sich die Situation in Afghanistan immer weiter verschlechterte und diese Gebiete nicht völlig unter dem Schutz der Regierung standen. Ich wollte bei der Verbesserung der Lebenslage der Landbevölkerung meinen Beitrag leisten, doch aufgrund des Krieges kam es leider nicht mehr dazu. Jedoch habe ich sehr viele wertvolle Erfahrungen mit den Menschen machen dürfen, die auf einer ehrlichen und sehr herzlichen Art mir als Frau Respekt erwiesen und mich willkommen hießen. Es ist traurig, dass die wahren Qualitäten dieser Menschen unter dem Schatten des Krieges verborgen bleiben.

Hessisches Sozialministerium (Hrsg.) (2008):
Dokumentation: Potentiale von Migrantinnen - Rolle der Frauen im Integrationsprozess, S. 52)

Zeichnung Gefesselte Frau
Shaima Ghafury

II        

Licht

Einst auf den Flügeln der Sehnsucht,
Versunken in Gedanken,
Suchen meine Augen nach dir,
Im Chaos des Landes.

Ich sehe, dass du mit Leidenschaft und Anstrengung,
Die Lichtkeime von der Luft sammelst,
Diese säst und pflegst,
In den vertrauten Boden.

Welch blitzende Ähren,
Welch glühende Sonnentropfen,
Die in die Tiefe der schwarzen Nacht,
In die Dunkelheit des finsteren Tages,
Hinunter sickern in die Behausungen,
Und ihren Weg findend in Dörfer.

Ich sehe ein flinkes Mädchen,
Welches diese Lichter der Sonne,
Die wie helle Flammen aufleuchten,
Mit Liebe, Leidenschaft und Ungeduld,
Ohne Angst, Furcht, und Panik,
Mit ihren Fingerspitzen fasst.

Ich sehe wie die Zeit vergeht,
Monate zu Jahren werden.
In den Häusern und Gassen,
Erhellen die Hände.

Die Fackel des Wissens und der Weisheit,
Werden wie der leuchtende Mond,
Die ergreiste schwarze Eule,
Ist niedergeschlagen.

Jetzt wo ich sehe dass du,
Wieder auf Reisen gehst,
Füllen sich meine Augen mit Tränen,
Und mein Herz verfällt in Leid,
Auch meine Seele ist betrübt,
In Sorge nach dir.

Jedoch das Licht der Dörfer,
Die Fackeln und Flammen der Hände,
Das Lachen und die Begeisterung der Kinder,

Erstrahlt meinen Körper und Geist,
Erleichtert mir die schwere Qual,
Deiner Trennung.

Shaima Ghafury, Nov. 2009
Übersetzt von Belkis Ghafury und Samim Doost

Ausgewählte Informationen zum Lebenslauf

Shaima Ghafury

geboren am 31.01.1958 in Kabul, Afghanistan

Ausbildung

1974 Schulabschluss
1975 Studium an der Ingenieurfakultät der Universität Kabul; Stipendium für Bulgarien
1975-1981 Studium in Bulgarien
1981 Diplom- Agraringenieurin (Auszeichnung als beste Studentin 1977-1978 und als beste AbsolventIn in Bulgarien 1981)
1981-1992 Dozentin an der Universität Kabul

Familiensituation         

1983 Heirat mit Noor Mohammad Ghafury
1985 Geburt der Tochter Breshna
1988 Geburt der Tochter Belkis
1991 Geburt der Tochter Homa
1992 Flucht aus Afghanistan
1995 Geburt des Sohnes Matin

Berufstätigkeit in Marburg

1995 Familienhelferin beim Jugendamt Marburg
1996-1998 Mitarbeiterin des Frauenhauses Marburg
1999-2003 zuständig für MigrantInnenarbeit in der externer Link Bürgerinitiative für soziale Fragen (BSF e.V.)
2003 Fortbildung zur Schuldnerberaterin
seit 2003 Sozial- und Schuldnerberaterin bei der externer Link BSF e.V., Integrationsarbeit in der Stadt Marburg

Politische Tätigkeiten

1993 Mitgründerin des Vereins „Verein der Nationalen Einheit und des Fortschritts Afghanistans“ in Frankfurt, Mitglied des Vorstandes bis 1998
1994 Initiatorin und Mitgründerin des Vereins „Initiative afghanisches Handwerk e.V.“ in Marburg (als NGO in Afghanistan eingetragen), Vorsitzende des Vereins
2000/01 Mitbegründerin der Bewegung „Verständigung der Afghanen“ in Europa, Vorstandsmitglied für ein Jahr
2007 Mitgründerin „Afghanischer Kulturverein e. V.“ in Marburg,
Vorstandsmitglied bis 2009

Mitgliedschaften

seit 1999 Mitglied des Vereins externer LinkFrauen helfen Frauen“ (Träger des Frauenhauses in Marburg)
seit 2000 Mitglied der „LAG Frauentagung“, zuständig für die politische Bildung der Frauen in Brennpunkten Hessens
seit 2004 Mitglied des Kuratoriums des lokalen Bündnisses für Familien in Marburg
seit 2007 Mitglied „Runder Tisch für Integration“ in Marburg

Links

externer Link Potenziale von Migrantinnen, Rolle der Frauen im Integrationsprozess, Dokumention Hessisches Sozialministerium, PDF (3,6 MB),
Seite 52-59, Shaima: »Als Vorschwimmerin habe ich den Weg für meine Kinder frei gemacht.«

siehe auch Preisträgerinnen

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